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Brief an den Oberarzt...

am Sa Mai 13, 2017 5:14 pm

#1 | Brief an den Oberarzt...
datum26.11.2014 20:58
[Online] Cita
Beiträge: 737
Registriert seit: 09.10.2011
Blog: Meine Gedanken...
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21.10.2014

Hallo Hr. A.,

diesmal bin ich mir sicher, dass Sie diesen Brief nie lesen werden, da Sie gestorben sind...
Ich weiß, dass ich nicht immer nett oder fair zu Ihnen war, was wohl auf Gegenseitigkeit beruht.
Es tut mir Leid, dass ich Ihnen nie gesagt habe, wie wichtig Sie für mich waren und ehrlich gesagt, war es mir zu Ihren Lebzeiten selber gar nicht klar...

Ehrlich gesagt habe ich Sie wohl die meiste Zeit über gehasst. Ich habe Sie für die Maßnahmen gehasst, mit denen Sie versucht haben um jeden Preis zu verhindern, dass ich mir etwas antue. Ich war sauer, wenn Sie mir mal wieder eine 1:1 Betreuung angeordnet hatten oder ich irgendwelche Medikamente nehmen sollte, von denen ich gar nichts wusste...

Ich habe mich über mich selber geärgert, dass ich Ihnen trotz allem immer wieder vertraut habe. Ihnen trotz aller Provokationen immer wieder Dinge erzählt habe, die Sie mir bei der nächsten Gelegenheit um die Ohren knallen konnten und es ja auch meistens getan haben...

Ich hatte selber nie verstanden, warum ich so blöde war Ihnen immer wieder neue Munition zu geben...
Im Nachhinein denke ich, dass es einfach ein Gefühl war. Ein unterbewusstes Wissen, dass Sie es gut mit mir meinten, dass Sie mir helfen wollten...

Sie haben immer wieder gesagt, dass Sie mich vermutlich besser verstehen, als ich mich selber. Natürlich konnte ich das nicht hinnehmnen und habe Ihnen widersprochen. Und ich war selber davon überzeugt, dass Sie keine Ahnung haben, wie es mir geht. Was ich denke und fühle. Ich habe immer gedacht, dass es Ihnen sogar Spaß macht mich fertig zu machen. (Und ich habe Sie dafür gehasst und verachtet, wie ich es bei meinem Vater tat...)

Verwirrt haben mich dann immer wieder unsere guten Gespräche zwischendrin. Die, in denen Sie Einfühlungsvermögen, Respekt, Interesse und Geborgenheit und Verständnis gezeigt haben. In denen ich gespürt gabe, dass Sie Ihre Hausaufgaben gemacht und meine Texte gelesen und mich verstanden haben...

Und dann kamen wieder die Provokationen und Herablassungen. Die Verletzungen und Enttäuschungen.

Sie waren verständnisvoll und aufmerksam, wenn ich von meinem Vater erzählt habe. Ich habe Ihnen erzählt, wie er war und konnte Traurigkeit in Ihren Augen erkennen. Ich konnte nie um meine Kindheit trauern, keine Wut verspüren...
Und dann haben Sie sich so verhalten, wie mein Vater...

Ich habe Sie dafür gehasst, habe mich selber gefragt, warum ich überhaupt noch mit Ihnen rede und Ihnen Sachen erzähle. Dass es Ihnen Spaß macht mich zu verletzen. Ich konnte es nicht verstehen.

Ob Sie mich vielleicht doch besser verstanden hatten, als ich mich selber?
Jetzt im Nachhinein sehe ich Zusammenhänge, einen Sinn in Ihrem Verhalten, den ich nie für möglich gehalten hätte! Aber es würde einiges erklären. Es ergibt plötzlich alles einen größeren Sinn...

Ich habe immer wieder Trauer und Schmerz in Ihren Augen gesehen, die nicht zu den Dingen passten, die Sie mir an den Kopf knallten.

Wenn Sie sich mit Absicht zu einer Zielscheibe meiner Wut und Verzweiflung gemacht hätten, würde es das erklären.
Haben Sie sich absichtlich wie mein Vater verhalten? Wollten Sie, dass diese Projektion hervorgerufen wurde, damit ich Wut spüren und zulassen konnte? Damit ich anfangen muss mich zu wehren und meinen Schmerz und die Aggressionen nicht nur gegen mich richtete, sondern auch gegen Sie? (Leider weiß ich gar nicht mehr wie, Sie reagiert hatten, als ich Ihnen von Zat erzählt habe, der Anteil, der wütend und sauer ist auf andere, den Sie damals gewissermaßen hervorgerufen haben und ich es Ihnen vorgehalten habe...)
Damit ich anfangen muss mich zu wehren und meinen Schmerz und die Aggressionen nicht nur gegen mich richtete, sondern auch gegen Sie?
Damit ich die Emotionen ein Stück weit ausleben konnte, die so weit vergraben waren, dass ich selber schon lange keinen Bezug mehr zu Ihnen hatte?
(Irgendwann habe ich Ihnen mal erzählt, dass es schon mehrere Personen versucht haben, mich so zu provozieren, dass ich mich endlich mal wehre. Dass mich Leute angeschrien haben aus hilflosigkeit und dass das immer nur dazu geführt hatte, dass ich komplett dicht gemacht habe und mein Weltbild bestätigt sah...)
Dass Sie die Verletzungen von mir hingenommen haben, damit ich lernen und heilen und wachsen konnte?

Es würde zumindest viele Situationen erklären.

Sie haben immer wieder gesagt, dass ich es nicht schaffen werde Sie sauer zu machen. Dass ich machen kann, was ich will und Sie allenfalls traurig darüber wären.
(Sie haben einmal dazu gesagt, dass auch wenn ich am Montag tot sein sollte, wenn Sie wieder da sind, dass sie nicht sauer, sondern traurig darüber wären. Sie würden aber alles dafür tun, was in Ihrer Macht steht, dass es nicht dazu kommt!)
Als ich einmal darauf meinte, dass das jedoch nicht auf Gegenseitigkeit beruhen würde, da Sie mich durchaus sauer machen, haben Sie mich gefragt, ob ich mir irgendwie vorstellen könnte, dass Sie genau das damit erreichen wollten...? (Ich erinnere mich noch ziemlich genau an die große Traurigkeit in Ihren Augen...)
Ich konnte es mir zwar vorstellen, habe es jedoch überhaupt nicht verstanden.

Ich erklärte Ihnen, dass Sie mich verletzt und enttäuscht haben, dass ich noch verzweifelter bin, als vorher und mein Wunsch zu sterben noch größer geworden ist. Und meinte dann, dass wenn Sie damit erreichen wollten, dass ich mich noch beschissener fühle und noch weniger Lust habe, weiter zu leben, dass Sie dann Ihr Ziel erreicht haben.
Das war eine der ganz wenigen Situationen in denen ich Sie doch so getroffen hatte, dass Sie es nicht einfach hinnehmen konnten und meinten den schwarzen Peter nehmen Sie nicht an...

Irgendwann sagten Sie auch, dass auch Sie oft mit Bauchschmerzen aus unseren Gesprächen gegangen sind... Ich hatte es weder geglaubt, noch verstanden...

Heute denke ich, dass Sie bereit waren eine Menge einzustecken und auszuhalten, um mir zu helfen. Unsere ewigen Diskussionen. Die Gespräche in denen ich so sauer war, dass ich Sie habe auflaufen lassen und auch Ihnen Dinge an den Kopf geworfen habe, genau mit dem Ziel Sie zu verletzen, weil ich selber so verletzt war. Unsere Machtkämpfe... Sie wollten mich am Leben halten, ich wollte sterben. Ich wollte nach Hause, Sie wollten mich nicht gehen lassen, weil Sie genausogut wie ich wussten, dass ich etwas machen würde. Und ich habe ausgenutzt, dass ich wusste, dass Sie wollten, dass ich freiwillig bleibe und ich mir relativ sicher war, dass Sie zu stolz waren sich einen Beschluss zu holen (den Sie vermutlich ohne weiteres bekommen hätten in vielen Situationen...). Am Ende mussten Sie mich gehen lassen oder sich doch einen Beschluss besorgen... Naja, keine zwei Tage später war ich wieder in der Notaufnahme...
Aber Sie haben mich gehen lassen. Mussten vermutlich einige Ängste und Sorgen aushalten...

Und ich kann mich noch nicht einmal dafür bei Ihnen bedanken...

Ich sehe Sie vor mir, Ihr schelmisches Lächeln, die traurigen Augen, die kurz aufleuchte, da ich endlich etwas begriffen habe und Ihre Mühe und Ausdauer, Ihre Geduld und die Opfer, die Sie gebracht haben doch noch Erfolg zeigen und nicht umsonst waren.

Sie haben ein großes Loch in meinem Leben hinterlassen und mir fehlen die Gespräche mit Ihnen, auch wenn wir nur selten der gleichen Meinung waren. Eigentlich schon oft rein aus Prinzip gegensätzliche Meinungen hatten.

Ich konnte mit Ihnen streiten, meinen Frust and meine Verzweiflung an Ihnen auslassen und Sie haben Sie mit mir ausgehalten...

So oft ich mich auch über Sie aufgeregt habe und sie gehasst habe, so sehr habe ich Sie auch gebraucht.

Ich konnte Ihnen alles mögliche vorhalten, Ihnen an den Kopf knallen, immer wieder entgegen Ihren Wünschen die Station verlassen. Sie haben sich meistens keinen Beschluss geholt, sondern mich gehen lassen, allerdings musste ich Ihnen versprechen, dass ich wieder komme, wenn es schlimmer wird... (Ja, ich habe es meistens versprochen oder bin solange der Frage ausgewichen, bis Sie nur immer wieder versichert haben, dass Sie mich gerne zu jeder Tages- und Nachtzeit wieder aufnehmen und ich kommen kann... Allerdings war da meistens schon der Punkt gekommen, an dem ich eh nicht mehr wusste, wie es schlimmer werden könnte, da es bereits unerträglich war...)

Wie soll ich jetzt mit dem Chaos zurecht kommen?
Ich fühle mich einmal mehr verlassen und verraten und jetzt kann ich meinen Frust noch nicht einmal mehr an Ihnen auslassen...
Ja, ich weiß... So ist das Leben und ich muss damit klar kommen...
(Aber wie Sie ja wussten, war genau das der Grund, warum ich nicht mehr leben wollte... weil ich genau das nicht wollte, so ein Leben. Ich wollte nicht akzeptieren, dass es sein soll, wie es ist, kann es aber auch nicht wirklich ändern...)
Am meisten Macht hat das richtige Wort zur richtigen Zeit!

Was die Raupe das Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt Schmetterling.

Das Leben ist wie eine mathematische Formel. - Sie ist da und funktioniert, aber anwenden kann man sie erst, wenn man sie begriffen und zugelassen hat!
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#2 | RE: Brief an den Oberarzt...
datum02.12.2014 13:31
[Offline] Traumtänzer
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Hallo Herr Arold,

auch wenn wir uns nicht kennen, danke ich ihnen dafür, dass Sie so waren, wie sie waren. Ich denke, dass Sie auf Ihre Art damit viel Gutes bewirken konnten.

Mit guten Gedanken
Matthias
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#3 | RE: Brief an den Oberarzt...
datum03.12.2014 21:28
Forodwaith ( gelöscht )


Wirklich ein sehr mitreißender Brief. Mein Beileid
Was bleibt ist die Veränderung.

Das Leben komnmt, das Leben geht, man muss drauf achten das die Zeit nicht einfach vergeht. Man sollte sie nutzen, sei dir das gewiss, sonst bekommt das Gemüt nen großen Riss.

Potzblitz.... Fantasy.... jeder so wie er ist.

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