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Ein Verfahren... (könnte triggern)

am Sa Mai 13, 2017 5:18 pm
#1 | Ein Verfahren... (könnte triggern)
datum15.11.2011 13:40
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Blog: Meine Gedanken...
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Wenn mir heute jemand sagt, dass Opfer, die Schweigen die Täter schützen, so würde ich ihm sagen, dass es nicht die Opfer sind, die den Täter schützen, sondern der Staat...

Im August 2005 gelangte es ans Jugendamt, dass mein Vater mich missbrauchte. Meine Schwester und ich kamen für zwei Wochen in Obhutnahme in eine Pflegefamilie. Die Familie war eine Katastrophe, das Versprechen, dass nichts ohne unser Wissen oder hinter unserem Rücken geschehen würde, wurde mehrfach gebrochen. Dann kam das ganze zum Familiengericht, wir wollten zurück in unsere Familie, meine Mutter hatte die zunächst gegebene Unterschrift zu der Unterbringung einen Tag später zurück gezogen.
Der Richter hörte uns einzeln an, wir sagten ihm beide, dass da was war, dass unser Vater uns angefasst hatte und wo, beschrieben es aber beide nicht bis ins Detail, kurz "Aussage verweigert".
Mein Vater zog aus in die Räume seiner Firma, damit meine Schwester und ich zurück durften. (Hatte während wir in der Pflegefamilie waren dem Vater meiner Jahrelangen besten Freundin am Telefon gesagt, dass er darum kämpfen würde, dass meine Schwester zurück kommt, was mit mir sei, sei ihm egal.)

Im Dezember informierte mein Vater offiziell das Jugendamt, dass er in das Familienhaus zurück zieht, da er nicht einsieht, dass er ausziehen soll.
Die ganze Geschichte kam wieder vors Familiengericht. Am Tag vor dem Termin beim Richter fand ich, als ich aus der Schule kam einige Prospekte von verschiedenen Internaten auf dem Küchentisch. Meine Mutter sagte mir auch ganz klar, wenn er nicht zurück darf, müssen wir gehen. Internat, Pflegestelle, Heim.
"Unsere" Anwältin lernte ich fünf Minuten vor dem Termin im Gerichtsgebäude auf dem Flur kennen. Und ich habe mich schon damals gefragt, wie sie "unsere" Interessen vertreten kann, wenn sie meine doch gar nicht kennt.

Danach begann die Zeit, wo mein Vater vor unseren Lügen geschützt werden musste, wir mussten und nachts einschließen, Tagsüber das Haus verlassen, wenn meine Mutter weg und mein Vater zuhause war. Wir durften nicht mit ihm alleine ohne eine zweite volljährige Person (meine Mutter oder meinem Bruder) in einem Raum sein: "Sonst könnt ihr dem Jugendamt ja wieder sonstwas erzählen!"

Wir sollten alle drei eine Therapie machen. Meine Schwester und ich mussten alle zwei Monate zu einem Termin bei der Frau vom Jugendamt haben, die wir beide hassten. "Das habt ihr euch selber eingebrockt" haben meine Eltern gesagt, wenn wir nicht wollten. Und wir mussten drei Termine beim Frauennotruf wahrnehmen. Die drei Termine und drei Vorgespräche bei verschiedenen Therapeutinnen, mehr wurde aus Therapie nicht.

Abends wollte mein Vater Gespräche mit mir. Meine Mutter musste dabei sein. Wenn meine Geschwister schon im Bett waren. Er hat mir alles mögliche an den Kopf geknallt, dass es nicht die Lösung meiner Probleme sei, dass ich ihm die Schuld an allem gebe, dass ich meine Geschwister erpresse und bedrohe und die ja alle Angst vor mir hätten, dass er es nicht zulassen würde, dass ich einen Machtkampf mit ihm fordere, dass ich mich von meinen Geschwistern und der Nachbarin fernhalten soll, dass es das Beste sei, wenn ich ausziehe...Immer häufiger der letzte Satz. Und immer wieder wollte er wissen, was ich dazu denke, dass es unfair ist, dass er offen mit mir redet und sagt, was er denkt, ich aber nichts dazu sage. Habe ich etwas gesagt wurde es noch schlimmer, also ließ ich es in der Regel. Meistens saß ich nur noch heulend vor ihnen. Mein Vater hat mir Vorwürfe gemacht, meine Mutter saß schweigend daneben oder hat ihm allerhöchstens mal zugestimmt...

Im Juni 2006 musste ich dann zu meiner Oma ziehen, die ich als Kind zwei oder dreimal mit meinem Opa besucht hatte und bis dahin nicht wusste, dass sie sogar in der gleichen Stadt lebte, da sie selber wegen der Provokanten Art meines Vaters keinen Kontakt zu uns hatte.

Meine Schwester hat mir Vorwürfe gemacht, mein älterer Bruder ebenfalls. Der einzige, der noch vernünftig mit mir redete war mein drei Jahre jüngerer Bruder, bis er mich nicht mehr besuchen durfte. Meine jüngsten Geschwister brachen mir das Herz. Am Telefon meinte meine damals fünf jährige Schwester, welche Sprache ich da spreche, wo ich jetzt bin. Und bei einem Besuch war ihre erste Frage, wann ich wieder nach hause komme, es mache ihr keinen Spaß mehr ohne mich, weil ich die Netteste bin...

Im März 2007 kam ich über eine Lehrerin, die dem Jugendamt mit einer Anzeige wegen Fahrlässigkeit dafür drohen musste, in eine betreute Jugendwohngruppe, da meine Verletzungen und Suizidversuche heftiger wurden und ich die meiste Zeit bei meiner Oma alleine war. Mein Platz in der Wohngruppe war gefährdet, da meine Eltern dem nicht zustimmten.
Es kam wieder alles vor Gericht. Im letzten Moment gaben meine Eltern ihre Zustimmung um das Aufenthaltsbestimmungs- und das Sorgerecht behalten zu können.
Vor Gericht erfuhren sie, dass ich eine Therapie begonnen hatte und sie zeigten noch vor Gericht meine Therapeutin an.

Pfingstdienstag kam mein Betreuer in der Wohngruppe und hat mich geweckt. Wir hätten in zwei Stunden einen Termin. Ich bestand darauf, zu erfahren, was für einen Termin ich hätte. Er wollte es mir erst nicht sagen, meinte dann nur: "Bei der Polizei" Den Rest würde er mir sagen, wenn ich angezogen bin und runter komme.
(Er hatte es mit dem Jugendamt abgesprochen, dass sie es mir nicht vorher sagen, damit ich mir nicht zu viele Gedanken mache.) Ich war sauer. Richtig sauer, dass sie mir den Termin nicht vorher gesagt haben. Und ich weiß bis heute nicht, ob ich, wenn ich vorher davon gewusst hätte oder die Möglichkeit einer Beratung gehabt hätte meine erste Aussage bei der Kripo gemacht hätte.

In der zweiten Vernehmung bei der Kripo muss ich kreidebleich geworden sein und wäre fast zusammen gebrochen. Die einzige Reaktion der Kommissarin war: "War das ein Geständnis, dass doch alles nur erfunden war?"
In den nächsten Jahren musste ich mir in jeder Vernehmung anhören, dass ich lüge, dass ich das nur behauptet habe um aus der Familie zu kommen, dass in 80% der Fälle am Ende eh rauskommt, dass da nie etwas war.

Es folgte ein Glaubhaftigkeitsgutachten, das dann angeblich nicht ans Gericht weitergeleitet werden durfte, ohne die Zustimmung meiner Eltern, da ich ja noch minderjährig war. Was sich nach Monaten als falsch erwies...

Dann Vernehmungen und Fehler der Kripo. Meine Anwältin wurde über Vernehmungen nicht informiert. Die vom Frauennotruf wollte die Kommissarin nicht mit reinlassen, aber sie hatte auf meinen Wunsch hin darauf bestanden und der Kommissarin gesagt, dass ich a. das Recht habe meine Anwältin mitzunehmen, b. das Recht hätte eine beliebige Person zur Unterstützung mitzunehmen und sie c. vom Frauennotruf ist und sowieso das Recht hat, wenn ich das möchte dabei zu sein. Nach anderthalb Stunden hat sie die Vernehmung abgebrochen, weil ich nur noch huelend und kopfschüttelnd dasaß und meinte, dass ich nichts mehr sage, was die Kommissarin nicht interessier hat oder davon abhielt mich mit ihren Fragen zu bombadieren. Die vom Frauennotruf schickte mich raus und ich hörte sie sich nur noch anschreien. Anschließend hat meine Anwältin durchgesetzt, dass ich keine Vernehmungen mehr bei der Kripo habe, wenn der Staatsanwalt etwas von mir wissen möchte, soll er mich selber befragen.

Zum Jugendamt war ich auch nicht mehr alleine gegangen, weil die Frau mir jedes Wort im Mund umgedreht hatte. Eine Lehrerin kam meistens mit, nachdem ich meinte, dass ich da nicht mehr hingehe. Dann haben die sich immer gefetzt, weil meine Lehrerin mehr Ahnung hatte als die vom Jugendamt und die Frau uns beide einfach nur aufgeregt hat.

Die Kripo wollte ein weiteres Verfahren gegen den ehemaligen Freund meines Bruder, da in einem meiner Tagebücher der Satz stand, dass mein Vater nicht der einzige war, musste ich nach etlichen Vernehmungen seinen Namen nennen. Ich hatte dann zu ihm Kontakt aufgenommen und mit dem Frauennotruf beschlossen, dass wir sagen, dass ich damals bereits 14 war, da es dann meine Entscheidung ist, ob eine Anzeige gemacht wird.

Nach dreieinhalb Jahren Ermittlungen wurde Anklage gegen meinen Vater erhoben. In der Anklageschrift konnten sie weder Tatzeitraum, noch Daten meines Vaters oder die Namen meiner Schwester und meiner Mutter richtig schreiben. Und auf der ersten Seite stand, dass der Familienstand meines Vaters unbekannt sei, auf der dritten Seite stand dann, dass er verheiratet sein und sechs Kinder hat.
(Im Umgangsrechtverfahren, was zwischendurch lief, hatte ich in den Berichten auch drei verschiedene Namen.) Das hat mich mehr aufgeregt, als der Inhalt selber...
Ein Jahr später sollten erneut Nachvernehmungen bei der Kommissarin stattfinden.

Nach viereinhalb Jahren habe ich das verfahren einstellen lassen, indem ich von meinem Zeugnisverweigerungsrecht gebrauch gemacht habe. Da ich nur Nebenklägerin war, hatte ich vorher nie einen Einfluss darauf, ob dieses Verfahren läuft oder nicht, allerhöchstens über den Ausgang.

Ich frage mich, wie es sein kann, dass von dem Zeitpunkt wo das Jugendamt von den Übergriffen sechseinhalb Jahre vergangen waren und die Kripo und Staatsanwaltschaft viereinhalb Jahre ermittelt haben. In der ganzen Zeit war ich die einzige aus meiner Familie, die Aussagen machen musste. Die geladen wurde mit Androhung von Geld- oder Haftstrafen, wenn ich die Termine nicht wahrnehme. Dass ich in der ganzen Zeit keine Traumatherapie machen durfte, da ich anschließend nicht mehr als glaubwürdig gelte bzw. die Belastungen eines laufenden Verfahrens und einer Traumatherapie zu hoch seien. Dass ich ständig in der Klinik bin und mich verletze oder versuche dieses Leben zu beenden. Und mein Vater, meine Mutter und Geschwister ganz normal weiter leben konnten. Dass ich mir von allen Seiten anhören musste, dass ich lüge, dass das alles nicht so schlimm war, dass mir das Jugendamt das alles nur einredet, dass ich verzeihen müsste...
Die meisten Verwandten haben den Kontakt abgebrochen gehabt. Zu meinen Eltern bestand bis zu diesem Jahr kaum Kontakt, höchstens vor üder übers Gericht.
Und es kam noch nciht einmal zu dem Prozess in der ganzen Zeit, der ja nochmal traumatisierend, retraumatisierend oder zumindest extrem belastend gewesen wäre. ICh habe jahrelang darum gekämpft meine Geschwister sehen zu dürfen, aber auch dazu habe ich nach dem deutschen Gesetz kein Recht.

Da frage ich mich, was es mir gebracht hat überhaupt eine Aussage zu machen. Ich hatte doch noch nicht einmal selber eine Anzeige gemacht!
Ob man den Satz: "Einmal Opfer, immer Opfer." Auch auf das Staatssysthem beziehen kann? Ich weiß von anderen Leuten, dass es ähnlich war, dass die Verfahren nach etlichen Strapazen aus Mangel an Beweisen eingestellt wurden, dass bekannte Staatsanwälte Aussagen machen, wie: "Ich muss meinen Klienten zu einer Anzeige raten, würde meiner eigenen Tochter jedoch davon abraten." Dass ich kaum Rechte habe, dafür umso mehr Pflichten. Dass es von 8000 Anzeigen überhaupt nur in 1300 Fällen zu einer Anklage kommt.

Da frage ich mich, wer die Täter schützt... "Unschuldig bis zum Beweis der Schuld!"
Mir hat das Ganze auf jeden Fall klar gemacht, dass Eltern so ziemlich alles machen können, was sie wollen, solange man es ihnen nicht nachweisen kann. Dass psychischer Terror nicht strafbar ist, bzw. nicht nachgewiesen werden kann. Und dass man den Satz: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Nicht auf Kinder oder psychisch erkrankte Menschen beziehen kann. Bzw. eigentlich aus dem Grundgesetz streichen könnte, da es ja doch keinen Unterschied macht...

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